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Portraits

Erst zu früh, jetzt genau richtig: Oli Lemke produziert seit 17 Jahren Craft-Beer in Berlin

FOTONACHWEIS
Foto © Lutz Jäkel  

Lemke ist ein Tausendsassa. Er studierte ein paar Semester BWL, dann sattelte er um auf Brauerei-Ingenieur. Schon während des Studiums gründete der heute 49-jährige mit einem Kollegen einen Braumeistervertretungsservice. Auch Braumeister in Kleinbetrieben sollten einmal krank werden oder Urlaub machen können. Ende des Studiums besucht Lemke noch einen Schweißkurs an der TU und schweißt sich eine zwei Hektorliter-Brauanlage aus Edelstahl. Ende der 1990er baut er mit anderen einen heruntergekommenen S-Bahn-Bogen am Hackeschen Markt zu einem Brauhaus aus. Am 21.11.1999 öffnet „Brauhaus Lemke“ seine Türen. Doch was die Besucher erwartet, passt nicht zu dem gutbürgerlichen Namen: japanische Yakitori-Spieße und vegane Optionen zu bald 50 verschiedenen Bieren mit durchaus gewöhnungsbedürftigen Geschmacksrichtungen. Was heute hip klingt, war damals ein Reinfall. Von Craft-Beer hat noch kaum ein Berliner etwas gehört. Auch kulinarisch ist der Horizont in diesen Tagen beim klassischen Brauhaus-Besucher nicht allzu weit. Eisbein, Buletten, Pilsner – das wollen die Leute. Oliver Lemke geht in sich und denkt: „Wennse Buletten wollen, sollnse Buletten kriegen.“ Er überarbeitet das Brauhaus-Konzept grundlegend und kommt dem Zeitgeschmack entgegen. Auch die Claims ändern sich mit den Jahren: Aus „eine Frage der Ähre“ ist mittlerweile „Geschmack ist unser Bier“ geworden.

„Ich hatte Existenzängste“, sagt der Unternehmer. „Aufgeben war theoretisch eine von zwei Optionen, aber dann hätte ich das Bankdarlehen von 300.000 Euro in diesem Leben nicht mehr zurückzahlen können.“ Lemke gab nicht auf, nahm die Wünsche der Kunden ernst und gab seinen Ideen Zeit, zu reifen. Mit einem Ingenieurbüro schafft er sich ein zweites Standbein und plant und baut Brauanlagen. Die Projekte führen Lemke bis nach Ulan Bator. Von jeder Reise bringt er neue Ideen für seine gastronomischen Unternehmungen mit, die er in diesen Tagen mit den Einnahmen als Ingenieur finanziert. Lemke übernimmt 2003 die Tiergartenquelle und eröffnet in den Folgejahren weitere Standorte. Heute betreibt die Brauerei Lemke vier Gaststätten, drei davon sind Brauhäuser. Auch im Vertrieb seiner Bierspezialitäten ist Lemke umtriebig: Neben einem eigenen Webshop und etlichen Läden und Gaststätten in Berlin, erhält man Lemke-Biere mittlerweile auch in Hamburg, München, Köln, Leipzig und einigen anderen Städten von Rügen bis in die Schweiz. Händler und Gastronomen, die die aktuell acht Biersorten der unabhängigen Brauerei in ihr Programm nehmen wollen, können sich über brauerei@lemke.berlin mit Lemke in Verbindung setzen.

Die Produkte der Brauerei tragen sowohl dem handelsüblichen als auch dem ausgefallenen Geschmack Rechnung: Neben „Bohemian Pilsner“, „Original“, „Weizen“ und „Hopfen Weiße“ führt die Brauerei auch das eher für englische und amerikanische Brauereien typische „Indian Pale Ale“ (Verkostungsnotiz: „Die dominante Bittere wird getragen von einem kräftigen Malzkörper mit Noten von Karamell und Brotrinde“) oder ein „Imperial Stout“ (mit einem Alkoholgehalt von 11%).

Einen normalen Arbeitstag kennt Lemke nicht. „Jeder Tag ist anders“, sagt er, wie so viele Unternehmer. „Wenn Projekte anstehen, arbeite ich zu viel, zumal ich dann auch in der freien Zeit im Grunde immer an die Arbeit denke. Wenn einmal nichts Besonderes ansteht, kann es auch vergleichsweise gemütlich zugehen, wenn alles gut delegiert ist. Was es sein sollte!“ Dass einmal nicht Besonderes ansteht, ist in der Brauerei Lemke allerdings selten der Fall. Auf dem Berliner Markt tummeln sich mittlerweile 22 Klein- oder Gaststättenbrauereien und bieten ihre Kreationen an. Wer sich absetzen will, kommt mit einem schicken Logo allein nicht weit. „Es ist vor allem wichtig, nicht nur innovative sondern wirklich gut schmeckende Produkte zu entwickeln“, sagt Lemke. „Bier trinken soll ein Erlebnis, aber keine Mutprobe sein!“

Im sich gerade stark entwickelnden deutschen Craft-Beer-Markt ist die Brauerei Lemke besonders gut aufgestellt. War Lemke damals mit seinen Ideen noch zu früh für den deutschen Markt, ist er jetzt als Pionier um mindestens eine Nasenlänge voraus. „In unserer Firma ist alles vorhanden, um wachsen zu können“, sagt er und fügt hinzu: „Mit siebzehn Jahren Erfahrung in der Produktion innovativer Biere und etwa  einer Millionen Gästen im Jahr haben wir einen großen Bekanntheitsgrad in Berlin, Know how, Erfahrung, Kapital und gut laufende Standorte.“ Als Herausforderung sieht Lemke derzeit vor allem den Vertrieb. „Das machen wir in der Form erst seit 2015 und müssen da noch weiter hineinwachsen.“ Außerdem betrachtet der Unternehmer seine Branche als kapitalintensiv. „Um für die Zukunft gerüstet zu sein, müssen wir jetzt viel Geld in die Hand nehmen.“

Über seine Zusammenarbeit mit der Berliner Volksbank sagt Lemke: „Das läuft jetzt bestens. Offenbar hat die Bank vor einigen Jahren entschieden, das persönliche Verhältnis zwischen Kundenbetreuer und Kunde in den Vordergrund zu rücken. Viele Banken koppeln das ab und fokussieren sich ausschließlich auf Zahlen, aber ich denke: Es kommt auf den Menschen an, der hinter einem Projekt steht.“

Die kleine Brauanlage mit der alles begann, hat längst eine Nachfolgerin. Sie ist mit Kupfer verkleidet, fasst ebenfalls zwei Hektorliter und dient Lemke als Versuchsbrauerei. Heute steht er allerdings selten selbst am Braukessel. Die handwerkliche Ausführung überlässt er längst anderen, während er plant, verkostet und überlegt, wie sich der Prozess verbessern lässt. „Das ist das Tolle an meiner Arbeit“, sagt Lemke. „Ich kann Kreativität mit Handwerk und Wissenschaft verbinden. Ich kann jeden Tag neue Ideen entwickeln und umsetzen.“ Auch für die Zukunft hat sich Lemke viel vorgenommen. Er möchte die Brauerei Lemke als eine der wichtigsten deutschen Craft-Beer-Brauereien etablieren und zwei Produktsparten intensivieren und entwickeln: holzgelagerte Biere und eine für die Hauptstadt besonders typische Spezialität – die original Berliner Weiße.