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Leben

Der neue Minimalismus: Wie man sich von Überflüssigem trennt.

FOTONACHWEIS
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Der Soziologe Harald Welzer schreibt in seinem Buch „Selbst denken“, dass fast jeder Haushalt eine Bohrmaschine besitzt, obwohl die von den Bewohnern nur alle paar Jahre einmal benötigt wird. In einer Welt begrenzter Ressourcen und durch Raubbau entstehender Umweltprobleme wäre es doch viel sinnvoller, wenn sich eine Straße oder ein Viertel eine Bohrmaschine teilen. Gegenstände des nicht-täglichen Gebrauchs könnten in einem Gemeindehaus geliehen werden. Das spare nicht nur Geld und Ressourcen, es sei auch ein Schritt hin zu mehr Gemeinschaft.

Die 12-Monats-Regel

Schätzungen zufolge besitzt jeder Mensch in Europa rund 10.000 Gegenstände. Wie viele davon er tatsächlich benötigt, kann jede und jeder selbst beim aufmerksamen Gang durch den eigenen Hausstand überprüfen. Wann hatte ich dieses Buch, diese Schallplatte, dieses Küchenutensil zum letzten Mal in der Hand? Wann habe ich dieses Kleidungsstück zum letzten Mal getragen? Und was befindet sich eigentlich in diesen Boxen im Keller? Und warum?

Bei allen Dingen, die Sie in den letzten 12 Monaten nicht benutzt haben, sollten Sie eine Entrümpelung ernsthaft in Betracht ziehen. Ausmisten muss nicht heißen, dass Sie alles wegwerfen. Manches aus Ihrem Besitz könnte noch andere erfreuen. Sie können es also verschenken, auf Internetplattformen verkaufen oder gegen Dinge tauschen, die Sie wirklich brauchen. Beim „Brauchen“ geht es nicht nur um Pragmatismus. Würde jeder nur das Lebensnotwendige besitzen, lebten wir in der Stadt der Schweine, wie es Sokrates in Platons „Der Staat“ nennt. Es gibt auch Dinge, die uns erfreuen, weil sie schön sind oder an Schönes erinnern. Was aber mit unangenehmen Erinnerungen, Pflicht- oder Schuldgefühlen verbunden ist, also alles, was Energie raubt, anstatt sie zu geben, sollte nicht nur im Keller verscharrt, sondern – spätestens nach 12 Monaten Einlagerung – entsorgt werden.

Bewusst einkaufen statt impulsgesteuert konsumieren

Man kennt es von Kindern. Sie sehen etwas im Supermarkt und wollen es sofort haben. Bekommen Sie es nicht, ist das Geschrei so groß, als ginge die Welt unter. Bekommen sie es, fliegt es oft nach wenigen Minuten in eine Ecke des Zimmers und wird nie wieder eines Blickes gewürdigt. Natürlich soll man Kindern nicht jeden Wunsch abschlagen, aber man muss sich als Erwachsener auch nicht mehr selbst wie ein Kind verhalten.

Die Bloggerin Tanja Auer (www.blattgruen.me) interessiert sich für Nachhaltigkeit, einen verantwortungsbewussten, gesunden Lebensstil und eine Abkehr von dem infantilen Konsumverhalten der Überflussgesellschaft. Ganz automatisch entdeckte sie so den Minimalismus für sich. In ihrem Blogartikel „Minimal leben – maximal profitieren“ gibt sie unter anderem Tipps für ein bewusstes Kaufverhalten:

  • Kaufe nur, was du wirklich brauchst
  • Mache einen Wochenplan
  • Gehe nur mit Bargeld einkaufen
  • Qualität vor Quantität
  • Sharing is caring
  • Bauernmarkt statt Supermarkt
Muss es wirklich immer neu sein? Muss es überhaupt sein?

Um festzustellen, was man wirklich braucht, sei es oft am besten, bei einem Konsumwunsch eine Weile zu warten. Sie schreibt: „Sind die kleineren Einkaufswünsche nach 3 Monaten immer noch auf der Liste und für dich von großer Wichtigkeit, kannst du sie jetzt auch noch kaufen. Teure Anschaffungen sollten 6 Monate auf der Liste verweilen. Oder noch besser: Vergiss die neue teure Espressomaschine und mach’ stattdessen einen kleinen Urlaub am See.“

Dass hochwertige, langlebige Bekleidung in der Regel nicht nur kostengünstiger, sondern auch umweltschonender und fairer ist als Billig-Textilien, dürfte sich mittlerweile ebenso herumgesprochen haben, wie die Einsicht, dass gutes, nahrhaftes Essen nicht teurer sein muss, als Fertigkost mit Dutzenden von Zusatzstoffen (darunter gerne viel Zucker). Ähnliches gilt für Möbel oder Elektrogeräte, wobei erstere in Second-Hand-Läden oft günstig angeboten werden. Warum also bei großen Möbeldiscountern die neuste Dutzendware kaufen, wenn es zum gleichen Preis auch haltbare, hochwertige und individuelle Möbel aus Haushaltsauflösungen gibt?

Wer einmal anfängt, auszumisten und bewusster einzukaufen, merkt bald, dass es nicht um Verzicht, sondern um Freude und Befreiung geht. Vorausgesetzt, so Tanja Auer, dass man sich nicht durch starre Regeln unter Druck setzt, sondern stattdessen die eigenen Bedürfnisse spielerisch immer besser kennenlernt.

Weitere Tipps zum Ausmisten und Aufräumen finden Sie auch bei Simplify.