Das Unternehmerportal der Berliner Volksbank
Strategie

Perfektionismus – der falsche Weg zum Optimum

Perfektionismus meint die zwanghafte Vermeidung von Fehlern. Aus der Sicht von Perfektionisten ist sowohl die eigene Leistung als auch die Leistung anderer nie genug – denn perfekt ist niemand. In der Folge ist das Scheitern vorprogrammiert, der Zwang zur Perfektion blockiert das Denken und schürt Antipathie, die nicht selten in Einsamkeit endet.

Perfektionismus – ein Trugschluss

Jederzeit perfekt sein zu wollen, scheint vorbildlich, doch in der heutigen Zeit ist Schnelligkeit und Offenheit für neue Wege wichtiger. Denn in der Zeit, in der der Perfektionist nach Fehlern sucht, haben andere schon Neues ausprobiert. Perfektionismus benötigt mehr Zeit und ist damit auch kostenintensiver. Doch gerade in dieser schnelllebigen Epoche ist Zeit kostbarer denn je.

Bestes Beispiel sind technische Innovationen, die heutzutage oftmals noch leicht fehlerhaft auf den Markt kommen. Die Verbraucher zeigen sich jedoch dankbar für die Innovation – kleinere Fehler werden dafür in Kauf genommen. Hätte der Produzent bis zur Perfektion des Produktes gewartet, wäre ihm die Konkurrenz schon zuvor gekommen.

Zudem haben Fehler auch ihr Gutes: Aus Fehlern lernt man und verbessert sich. Wer nie Neues ausprobiert, um keine Fehler zu machen, entwickelt sich nicht weiter.

Perfektionismus – eine deutsche Tugend

Interessanterweise scheint die Gefahr von Perfektionismus in Deutschland besonders hoch. Denn während man in vielen Ländern zufrieden ist, wenn etwas zu achtzig Prozent läuft, ärgert man sich in Deutschland bei 98 Prozent Leistung über die zwei Prozent, die noch nicht perfekt sind.

Perfekt oder schlecht – das sind die deutschen Alternativen. Diese kompromisslose Haltung ist jedoch auf Dauer belastend, denn sie erzeugt psychischen Druck – auf den Perfektionisten selbst und sein soziales Umfeld.

Das deutsche Streben nach Perfektion könnte auch die Ursache dafür sein, dass im internationalen Vergleich nur wenige Nationen noch unglücklicher am Arbeitsplatz sind als die Deutschen. Die Zahl der Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen nimmt hierzulande von Jahr zu Jahr weiter zu.

In Asien dagegen lernt man, dass nach dem Ying-Yang-Prinzip alles zwei Seiten hat, Stärken Schwächen ausgleichen und auch die Unvollkommenheit voller Schönheit sein kann.

Perfektionismus – ein Zeichen von Unsicherheit

So hartnäckig, wie Perfektionisten scheinen: Oftmals steckt hinter Perfektionismus Unsicherheit beziehungsweise eine große Furcht vor Kritik und Versagen. Die Angst davor, etwas Unvollkommenes abzuliefern, siegt über souveräne Entscheidungen und das Selbstverständnis, gut genug zu sein. Hinter der harten Schale von Perfektionisten verbirgt sich also ein sensibler Kern.

Manche Unternehmen, deren Kunden Perfektionisten sind, wenden deshalb einen einfachen Trick an: Wenn kurz vor Abnahme das Produkt doch noch mal geändert werden soll, lässt der Auftragnehmer ein bisschen Zeit vergehen und bietet dann das gleiche Produkt noch mal an, nur mit einer winzigen Änderung.

Ergebnis: Die meisten Kunden zeigen sich dann zufrieden. Sie brauchen das Gefühl, noch etwas geändert zu haben, obwohl de facto so gut wie nichts geändert wurde.

Perfektionismus – ein Zeichen mangelnder Toleranz

Perfektionisten sind immer unzufrieden, denn Vollkommenheit gibt es nicht. Insofern ist Perfektionismus auch eine Intoleranz gegenüber menschlichen Wesen und damit eine unmenschliche Haltung.

Denn die Nullfehlertoleranz geht oftmals einher mit Engstirnigkeit, Verbissenheit, Rechthaberei und Kontrollwut – wenig soziale Eigenschaften, die nicht nur dem Perfektionisten selbst, sondern auch seiner Umwelt das Leben schwer machen.

Doch die permanente Unzufriedenheit der Perfektionisten geht letztlich nicht nur den Kollegen auf die Nerven, sondern vergiftet langfristig auch die Unternehmenskultur.

Moderner Gegentrend – „Crowdsourcing“ und „Open Innovation“

Gut, dass sich Perfektionismus heutzutage schon aufgrund des Mangels an Zeit und Geld niemand mehr leisten kann.

Der neue Markttrend heißt deshalb: Mut zur Imperfektion.

„Crowdsourcing“ ist beispielsweise ein Trend, nachdem nicht mehr der beste Experte eingekauft wird, damit dieser das optimale Produkt entwickelt, sondern beispielsweise über das Internet eine Vielzahl von Menschen zum Ansammeln von Wissen animiert werden, um mit dessen Hilfe ein optimales Endprodukt zu schaffen. Bestes Beispiel: Wikipedia – das Lexikon, das dank Vieler zum beliebtesten Nachschlagewerk geworden ist.

„Open Innovation“ bezeichnet einen weiteren Trend, bei dem innovative Produkte durch die Kritik und das Know-how Außenstehender – beispielsweise der Kunden – verbessert wird. Beste Beispiele: Apps, Software, Betriebssysteme, etc.

Während man früher dem Kunden nur Perfektes servieren wollte, stellt man sich heute den Wünschen und der Kritik der Kunden, um anschließend das Produkt gegebenenfalls zu optimieren. Eine vergleichsweise gelassene und demokratische Methode, sich dem Optimum gemeinschaftlich anzunähern.